Freitag, 10.04.2026 00:00 Uhr

Ein Netzwerk des Trostes – Pfarrer Ulrich Paulsen im Goldenen Buch der Stadt Stendal

„Pfarrer Ulrich Paulsen hat mehr als drei Jahrzehnte das geistliche, soziale und kulturelle Leben der Hansestadt Stendal maßgeblich geprägt. Mit der Gründung des ‚Evangelischen Hospizes‘, des ‚Ambulanten Hospizdienstes‘ und des ‚Trauernetzwerks Altmark‘ hat er der Arbeit mit Sterbenden und Trauernden in Stadt und Region eine bleibende und sichtbare Präsenz verliehen.“ Mit diesen Worten beginnt der jüngste Eintrag im Goldenen Buch der Hansestadt Stendal.

Anfang des Jahres verabschiedete sich Ulrich Paulsen aus dem aktiven Dienst und übergab die Leitung des Stendaler Hospizes in die Hände von Nachfolger*innen. Dem Vorschlag von Dompfarrer Markus Schütte folgend nahm die Hansestadt Stendal dies zum Anlass, Paulsen für seine besonderen Verdienste um die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger mit einem Eintrag in das Goldene Buch zu ehren. Oberbürgermeister Bastian Sieler und Pfarrer Paulsen selbst unterzeichneten den würdigenden Eintrag, der ein Lebenswerk festhält.

In seiner bewegenden Rede ordnete Paulsen sein Wirken in den historischen Kontext ein – von den ethischen Impulsen Dietrich Bonhoeffers bis zur friedlichen Revolution 1989/90. Er benannte die aktuellen Herausforderungen, insbesondere im Gesundheitswesen und in der palliativen Versorgung im ländlichen Raum. „Zugleich geht es auch um die Haltung zum Leben, ob ein schwächer werdendes Leben, ein hilfebedürftiges Leben immer noch mitten in der Gesellschaft einen Platz haben darf. Genau deshalb ist Hospiz- und Palliativarbeit, ist Trauer- und Sterbebegleitung auch Teil des gesellschaftlichen Miteinanders.“, betonte Paulsen. Besonders dankte er allen Wegbegleiter*innen, den Engagierten in der Hospizarbeit und den finanziellen Unterstützer*innen, die sein Lebenswerk erst möglich gemacht haben.

Als Begründer des Hospizes und durch sein unermüdliches Engagement im Aufbau eines Netzwerks des Trostes hat Paulsen Stendal nachhaltig geprägt. Der Eintrag im Goldenen Buch schließt mit den Worten: „Sein Wirken ist beispielhaft für bürgerschaftliche Verantwortung, Gemeinschaft und Nächstenliebe in unserer Hansestadt.“

Nachfolgend dokumentieren wir die Ansprache von Pfarrer Paulsen:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Sieler,

sehr geehrte VertreterInnen der Stadt Stendal, liebe Gäste.

Ich danke an diesem Tag sehr herzlich für die großartige Würdigung der Hospizarbeit seitens der Hansestadt Stendal, die durch diese Eintragung  heute ihren bleibenden Ausdruck findet. Es ist ein ganz besonderer Moment, dass dieses diakonische Tun im  Auftrag der evangelischen Kirche hier im Rathaus so anerkannt wird.

Es ist über Jahrzehnte hinweg nicht selbstverständlich und gar nicht möglich gewesen, dass Kirche in der Stadt Stendal so aktiv sein konnte. Insoweit möchte ich vor allem jenen danken, die sich in Stendal und darüber hinaus für die Veränderungsprozesse  des Jahres 1989 stark gemacht haben. Peter Schmidt und Erika Drees, stellvertretend genannt, haben dann später auch ihre je eigenen Berührungspunkte mit der Hospizarbeit erfahren.

Es ist über Jahrzehnte hinweg innerhalb der Kirche nicht selbstverständlich und manchmal den Christen nicht möglich gewesen, so aktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken, wie das die Hospizarbeit in den letzten dreißig Jahren konnte. „Kirche für andere“, Kirche als gestalterischer Auftrag „suchet der Stadt Bestes“ und christliches Tun, das alle Grenzen überschreitet, eben jedermann und jederfrau gleich welcher Herkunft oder welcher religiösen, politischen oder sexuellen Orientierung Respekt, Hilfe und Begleitung in der letzten Lebensphase anzubieten, auch das hat Widerstände überwinden müssen – innerhalb und außerhalb der Kirche.

Insofern steht das hospizliche Tun an der Stiftung Adelberdt-Diakonissen-Mutterhaus Stendal in der Tradition der Diakonissen, die aus Kraschnitz bei Breslau geflüchtet seit dem 1. Oktober 1946  (vor 80 Jahren) in Stendal ansässig wurden und hier in der Altmark ein glaubwürdiges und nachhaltiges  Zeugnis von gelebter Nächstenliebe Tag für Tag ablegten.

Das Tun des Gerechten, das Suchen nach gegründetem Ausdruck von Glaube, Liebe Hoffnung trotz Widerständen und eigenen Ängsten gründet sich für mich auch unter anderem in der Spur des Dietrich Bonhoeffer, der  am 09. April 1945 im Konzentrationslager kurz vor der Befreiung hingerichtet wurde. Dieser Dietrich Bonhoffer nahm im Rahmen der Aktivitäten der Bekennenden Kirche am 22. März 1936  (vor 90 Jahren) in der Stendaler Petrikirche an der „illegalen“ Ordination  acht junger Pfarrer teil. Bonhoeffer war zu dieser Zeit mit gerade dreißig Jahren noch ein unbekannter Gast dieser Stadt. Eberhard Bethge, der damals in St. Petri ordiniert wurde, wurde später zum Biographen des prägenden Theologen. Bücher von beiden gehörten zum Kernbestand meines Studiums.

Insoweit wird deutlich, auf welchem geschichtlichen Boden die Entwicklung dieser diakonischen Arbeit steht.

In der Gegenwart sieht sich die Hospiz- und Palliativarbeit herausgefordert, mit neuerlichen Strömungen umzugehen. Da ist der schnelle Ruf nach assistiertem Suizid und die für mich vermeintlich freiheitlich begründete Forderung, dass jede und jeder das Recht haben soll, assistierten Suizid in Anspruch nehmen zu können. Solange der Staat seinen BürgerInnen nicht die Verwirklichung zahlreicher Grundsätze zur Lebensbewahrung, zu einer hervorragende Gesundheitsversorgung, einem rechtzeitigen Zugang zu hospizlich- palliativen Angeboten und zum Recht auf informierte Entscheidung bezüglich der eigenen Fragen  am Lebensende sicherstellt, solange sind Rufe nach freizugänglichem assistiertem Suizid vor allem Feigenblätter, um an der gelebten Praxis des ja gewiss auch teuren Gesundheitssystems nicht viel ändern zu müssen.

Wir haben so viele Instrumentarien innerhalb der Hospiz und Palliativversorgung, dass assistierter Suizid eine absolute Randerscheinung sein müsste, die aber nicht als die Lösung propagiert werden sollte. Weit vorher geht es um eine hervorragende Palliativversorgung und das ausdrücklich auch im ländlichen Raum, die Gewissheit bietet, dass in herausfordernden Situationen angemessene Hilfe möglich ist.

Zugleich geht es auch um die Haltung zum Leben, ob ein schwächer werdendes Leben, ein hilfebedürftiges Leben immer noch mitten in der Gesellschaft einen Platz haben darf.

Genau deshalb ist Hospiz- und Palliativarbeit, ist Trauer-  und Sterbebegleitung auch Teil des gesellschaftlichen Miteinanders. Und ich danke heute ausdrücklich allen, die sich haupt- und ehrenamtlich dafür engagieren. Ich danke allen, die in den zurück-liegenden Jahrzehnten mit ihren finanziellen Zuwendungen diesen Weg ermöglicht haben. Ich danke Euch, meinen Wegbegleitern, die mich immer wieder ermutigt haben - bewußt oder unbewußt.

Dies über alle Grenzen hinweggehende bürgerschaftliche Engagement, dieses Miteinander Aushalten von herausfordernden Situationen und Wertschätzen  der persönlichen Präsenz auch in widersprüchlichen Gefühlslagen möge auch in den kommenden Jahren tragfähiger Grund der Hospiz- und Palliativarbeit sein. Hier möge sich immer wieder zeigen, dass Menschwürde ihren Platz hat unabhängig von allen Fragen nach finanziellen oder politischen Aspekten. Menschenwürde bewahren zeigt sich eben auch konkret im Umgang mit Trauer und Endlichkeit, mit Begleitung Sterbender und Erinnerung an Gewesene. Lassen wir nicht zu, dass die Antworten auf diese Fragen angeblich zeitgemäß auf schnelle Lösungen reduziert werden und kulturelle Vielfalt vereinheitlicht wird.

Ich danke für die heutige Wertschätzung und wünsche der Hansestadt Stendal, dass auch in den kommenden Jahren die Menschenwürde aller Menschen, die hier leben, bis zuletzt bewahrt bleibt. Ich wünsche dieser Stadt, dass sich immer wieder Frauen und Männer finden, die gemeinsam Raum schaffen, dass Glaube, Liebe und Hoffnung Gestalt gewinnen im täglichen Miteinander.

Ansprache von Pfarrer Paulsen beim Eintrag ins Goldene Buch der Hansestadt Stendal am 26.03.2026.

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